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Stadtgespräch


Ich breche immer meine eigenen Rekorde

Bianca Bazala im Interview

Bianca Bazala (21) ist Schwimmerin - und stark sehbehindert. Bei den „Wiener Sportstars“ war sie heuer in der Kategorie „Behinderten- Sportlerin des Jahres“ nominiert. Außerdem arbeitet die Wienerin als Bürokauffrau und macht derzeit ihre Matura nach. Mit der StadtSpionin sprach sie darüber, wie es ist, mangels Konkurrenz immer wieder die eigenen Rekorde zu brechen und erzählt von ihrem Traum, Werbegrafikerin zu werden.

Interview: Bianca Bazala
Bianca Bazala, Österreichs beste sehbehinderte Schwimmerin
StadtSpionin:
Wie sind sie eigentlich zum Schwimmen gekommen?

Bianca Bazala: Bei uns an der Schule – ich war am Bundesblindeninstitut im zweiten Bezirk -  war Sport sehr wichtig. Das Talent wurde entdeckt von den Trainern und dann ging alles auch recht schnell: Ich habe mit neun Jahren schon meinen ersten Wettkampf gehabt.
Sie haben kürzlich mit mit 46,41 Sekunden auf 50 Metern einen neuen Landesrekord aufgestellt.
Das stimmt. Allerdings schwimme ich auch schon sehr lange und bin gewohnt, dass ich immer wieder neue Rekorde aufstelle. In Österreich gibt es ja kaum Konkurrenz. Es sind meine eigenen Rekorde, die ich da immer wieder breche. Sie müssen wissen: Im Behindertensport gibt es verschiedene Klassen für Körperbehinderung und für Sehbehinderung. Bei uns gibt es also die ganz Blinden, die gar nichts sehen, die die noch ein bisschen was sehen und die, die so wie ich noch relativ viel sehen.
Was bedeutet denn „relativ viel sehen“?
Auf dem rechten Auge sehe ich gar nichts, komplett nichts, also auch keinen Schatten. Und links sInterview: Bianca Bazalaehe ich zehn Prozent. Das kann man gar nicht so einfach beschreiben. Für jemanden der sehbehindert ist, ist das relativ viel.
Ist das für Sie dann überhaupt eine Herausforderung, wenn Sie eigentlich immer die eigenen Rekorde brechen?
Dadurch, dass ich auch auf internationaler Ebene antrete, schon. Man muss ja auch bestimmte Limits schwimmen, also bestimmte Zeiten schaffen, damit man international antreten darf. In Österreich ist es für mich immer ein Heimspiel, weil ich vorher schon weiß, was rauskommt.
In den Medien liest und hört man aber wenig von Ihren Erfolgen!
Ich  finde generell, dass der Behindertensport zu wenig Aufmerksamkeit kriegt. Manchmal sind im ORF ein paar Szenen der Paralympics, aber wenn man das mit den normalen olympischen Spielen vergleicht, ist das ja nichts. Ich find das schade, weil die ja genauso viel trainieren, vielleicht sogar noch mehr.
Wie kommen Sie denn mit Wettkampfsituationen zurecht?
Dadurch, dass ich das schon sehr lange mache, macht mir das nur wenig aus. Heuer in Berlin war ich dann doch sehr nervös, aber es hat sich gezeigt, dass ich noch besser schwimme, wenn ich nervös bin. Man sieht das an den Zeiten. Ich bin schon ein Wettkampftyp, ich mache das gerne.
Interview: Bianca BazalaWas sehen Sie denn überhaupt, wenn Sie ins Schwimmbecken steigen?
Naja, im Wasser habe ich keine Kontaktlinse drinnen. Was seh ich dann überhaupt? Ich seh das Wasser und ich erkenne die schwarzen Linien am Boden. Das schon. Es kommt aber auch auf die Lichtverhältnisse an. Ab und zu sehe ich die Fahne und ab und zu nicht. Das ist schon ein Problem. Und mit dem Wenden habe ich auch große Probleme. Dadurch, dass ich nur auf einem Auge sehen kann, kann ich Entfernungen nicht einschätzen. Ich sehe die Wand schon, aber kann nicht einschätzen: Ist das jetzt noch ein Zug oder sind das noch zwei Züge? Das kostet dann oft zwei drei Sekunden, die sehr ärgerlich sind.
Sportlich gesprochen haben Sie also, wenn Sie ins Becken steigen, das Ziel nicht vor Augen.
Streng genommen nicht. Aber ich weiß ja, wie lang das Becken ist. Man hat aber viele Nachteile dadurch, dass man Entfernungen nicht richtig einschätzen kann. Auch im Alltag. Wenn ich zum Beispiel über die Straße gehen will und da kommt ein Auto, warte ich immer bis es wirklich anhält, weil ich nicht erkennen kann, ob es langsamer fährt oder vielleicht doch noch bremst.
Interview: Bianca BazalaJetzt haben Sie schon ein bisschen die Probleme im Alltag angesprochen. Welche anderen Situationen gibt es da noch?
Wenn ich das erste Mal irgendwo hin muss, wo ich vorher noch nie war, dann ist das meist schwierig. Straßennamen kann ich nicht lesen. Wenn es also heißt: Fahr mal da hin und dann gehst du geradeaus und dann links…  Mit den Öffentlichen ist das einfacher. Ansonsten frage ich mich durch. Aber oft kennen sich die Leute ja selber nicht aus und schicken einen in die völlig falsche Richtung. Oder es heißt dann „Das sieht man dann eh“ und dann merken sie, dass ich das nicht sehe und es ist ihnen plötzlich furchtbar peinlich und sie entschuldigen sich. Ansonsten sind Anzeigetafeln von Zügen ein Problem. Und die Preise im Supermarkt sind auch nicht gerade die größten. Oder die Schrift in Speisekarten. In diesen Situationen merke ich, dass ich eingeschränkt bin.
Reagieren die Leute dann plötzlich anders auf sie, wenn sie merken, dass sie sehbehindert sind?
Es ist immer schwierig, wenn man neue Leute kennenlernt. Die sind dann oft verschreckt, weil sie das nicht kennen und nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Aber nach einem halben Jahr vergessen sie das dann auch wieder und dann heißt es ständig „Schau mal da drüben“ und ich muss dann sagen „Ich sehe das nicht“.
Was heißt denn verschreckt?
Interview: Bianca BazalaViele Menschen haben das generell gegenüber Menschen, die eine Behinderung haben. Wenn wir in ein Lokal oder in eine Disko gehen, werden wir ganz anders behandelt, sobald jemandem aufgefallen ist, dass wir nicht sehen. Ich glaube aber, dass das hauptsächlich Unsicherheit ist. Wenn wir Hilfe brauchen, sagen wir es ja eh. Man soll es nicht ignorieren, aber ich mag es überhaupt nicht, wenn Menschen kommen und sagen „Ich führ Sie über die Straße“. Aber es gibt auch ganz andere Fälle. Neulich war ich mit einer Freundin in Floridsdorf unterwegs, die sieht gar nichts. Und da war dann so eine Frau, die meinte „Nicht schon wieder die Blinde“ und versucht hat, sie mit irgendwelchen Sachen zu bewerfen. Das war ganz schlimm.
Sind die meisten von ihren Freunden blind oder sehbehindert?
Ja. Obwohl, nein. Eigentlich teilt es sich recht auf.
Welche anderen Hobbys haben Sie denn neben dem Sport?
Im Moment stehen die Schule und die Arbeit an erster Stelle. Ich muss mich derzeit auf die Matura konzentrieren und durch das ganze Lernen bleibt mir nur wenig Zeit für anderes. Außerdem habe ich ja auch einen eigenen Haushalt, um den ich mich kümmern muss und zwei Katzen.
Lesen Sie?
Ich bin nicht so der Lesetyp, ich gehe lieber ins Kino. Wenn man sich am PC etwas vorlesen lässt, klingt das immer schrecklich. So abgehackt. Man schläft dabei ein.
Sie arbeiten also viel mit dem Computer?
Ich benutze Vergrößerungsprogramme, damit geht das sehr gut. Wir haben das schon früh in der Schule gelernt und ich nutze auch privat sehr viel das Internet.
Interview: Bianca BazalaUnd was kommt nach der Matura?
Wenn ich die Matura geschafft habe, mach ich erst einmal ein Jahr gar nichts. Sport schon, aber was das Lernen angeht. Und dann würde ich irrsinnig gern in der Werbung arbeiten. Werbegrafik interessiert mich sehr. Das wäre mein Traumberuf, aber leider unmöglich auszuüben mit einer Sehbehinderung.
Wie kommen Sie denn auf Werbegrafik?
Komischerweise ist mir gerade das Optische sehr wichtig. Ich habe auch immer an irgendwelchen Plakaten etwas auszusetzen, weil ich glaube, dass es anders besser ausschauen würde. Und ich mache auch immer die Einladungen für alle Familienfeiern oder in der Schule die Plakate, wenn wir Projekte hatten.
Was hält Sie davon ab, Ihrem Traum nachzugehen und ihn zu verwirklichen?
Es heißt immer, wer Grafik machen will, muss auch gut zeichnen können. Bei der Aufnahmeprüfung für das Studium heißt es dann: „Zeichnen Sie die Zwiebel, die vor Ihnen liegt so, wie Sie sie sehen.“ Na super. Ich seh sie, aber ich kann sie so nicht zeichnen. Um das Thema Zeichnen kommt man anscheinend nicht herum. Ich versteh das nicht. Die Idee habe ich ja eh im Kopf. Und ob ich sie direkt am Computer umsetze oder zuerst aufzeichne, ist doch egal.  Ich muss mich noch einmal genauer damit beschäftigen und schauen, ob es da noch einen anderen Weg für mich gibt. Aber nach der Matura.
Aber Sie bleiben in Wien?
Ja. Ich bin der totale Stadtmensch und könnte mir nie vorstellen, am Land zu leben. Gerade am Wochenende. Da ist ja nichts. Da leuchtet nichts! Wenn ich aus dem Haus gehe, brauche ich Geschäfte und Auslagen. Und am Land gibt es zum Beispiel keine Weihnachtsbeleuchtung. Und wenn nicht genug Beleuchtung da ist, können auch die Laternenpfähle für mich zum Problem werden.
Eine ganz persönliche Frage zum Schluss: Was sehen Sie, wenn Sie morgens in den Spiegel schauen?
Ich sehe mich. Mal ausgeschlafen, mal weniger. So klar und deutlich, wie ich das gewohnt bin.

Sarah van den Berg (Dezember 2010)
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