Stadtgespräch


Das kleine Wunder Theater

Margit Mezgolich im Interview

Margit Mezgolich (38) verdiente mit 5 Jahren ihr erstes Geld als Regisseurin, wollte später Musical-Star werden und landetet schon mit 16 Jahren an der Schauspielschule. Heute leitet die zweifache Mutter eines von Wiens lebendigsten Theatern. Die StadtSpionin sprach mit der Vollblut-Theaterfrau über dramatische Reibungen, weibliches Multitasking und Kuchenbacken.


Margit MezgolichMargit Mezgolich, Theater-ChefinStadtSpionin: Sie sind seit 11 Monaten Chefin des TAG. Davor war der Job auf mehrere Menschen aufgeteilt. Wie haben Sie das denn geschafft?
Margit Mezgolich: (lacht) Ja, das klingt nach einer radikalen Verdrängung. Ist aber eine wunderbare, organische Zusammentwicklung, auch wenn uns das selten wer glaubt. Wir haben 2004 mit drei Theater-Gruppen hier am TAG angefangen und hatten immer die gemeinsame Sehnsucht, dieses Haus ordentlich zu profilieren. Das heißt, wir haben uns intern immer mehr vernetzt, obwohl wir nach Außen hin in unserer Wirkung ziemlich heterogen waren. 2007 haben wir dann drei Personen gewählt, die die künstlerische Leitung übernommen haben. Und das hat sich dann letzten Dezember dahin entwickelt, dass wir uns wünschten, dass das nur noch einer ist – und die anderen wollten halt, dass das ich bin.
Das Publikum kriegt im TAG ungewöhnlich viel Liebe: Nach dem Theater bekommt man einen extra angefertigten Button mit seinem Namen geschenkt, außen kann man an einer Video-Wall jede Aufführung kostenlos anschauen, es gibt jede Menge Workshops. Also sehr viel Zuwendung - seid Ihr so nett?
Ja! (Lacht) Das ist für mich die Seele dieses Hauses. Früher haben wir oft gesagt, wir könnten super ein Autobahn-Restaurant miteinander betreiben, weil wir so nett sind und man sich bei uns irrsinnig schnell wohlfühlen kann.
Aber im Ernst: Das ist uns einerseits wirklich ein Bedürfnis, den „Kunden“ gut zu betreuen. Und andererseits ist heuer durch die von mir initiierten „Werktage“ , bei denen freie TheatermacherInnen eingeladen werden, hier Projekte zu verwirklichen, der Wunsch entstanden, diesen Werkstatt-Charakter auch dem Publikum spürbar zu machen. So dass sie die Regisseure kennen lernen können. Es ist ja etwas ganz anderes, ob ich mir ein Stück wie aktuell „Rashomon“ anschaue, bei dem vieles geglückt und  manches auch nicht so gut geglückt ist. Oder ob ich live dabei bin und mitkriege, was der Regisseur will und wie er das umsetzen kann, wie schwierig oder wie leicht das ist. Das ist doch immer so ein kleines Wunder, das Theater!
Die Nähe zum Publikum ist also eine Grundeinstellung und keine Marketing-Strategie?
Genau. Der Herr Hartmann macht das ja nun am Burgtheater auch schon, dass er versucht, den Leuten Praktikas anzubieten und diesen riesengroßen Apparat zu durchspülen. Aber das ist wahrscheinlich viel schwieriger mit so einem riesengroßen Schiff. Unser Vorteil ist, dass wir viel wendiger sind. Und unsere Workshops werden super angenommen, wir sind derzeit überbucht. Und das ist super!
Das TAGTAG Theater an der Gumpendorfer StraßeWie konkurriert man in Wien eigentlich gegen die großen Theater? Oder anders ausgedrückt:  Wie kommt man zu seinem Publikum?
Das Angebot an Kultur und Theater ist wirklich sehr groß. Jetzt mit den neuen Theatern wie dem Hamakom gibt es täglich 1.000 Sitzplätze mehr, die in der Stadt angeboten werden. Meine Frage ist daher gar nicht, wie konkurriere ich. Sondern was kann ich anbieten, was es noch nicht gibt. Was können wir leisten? Das ist die Frage, die ich mir dauernd stelle und die ich im Tun versuche zu beantworten. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir keine klassischen Ur- und Erstaufführungen mehr machen. Die gibt es eh zuhauf und mit sehr viel mehr Geld. Wir hier am Haus kommen ja alle aus der freien Szene und das, was uns immer ausgemacht hat, war das Selbstentwickeln von Sachen.
Kommt daher auch der große Schwerpunkt aufs Improvisationstheater?
Ja, der kommt auch aus der großen Lust „wir schöpfen es aus uns“. Ich nenne das mittlerweile gerne „dramatische Reibung“: Es geht uns schon darum, eine  Geschichte zu erzählen.
Und wie kriegt man das Theater voll?
Mit guter Arbeit und Mundpropaganda. Und die jetzige Saison läuft sehr gut an.
Wie sind Sie eigentlich zum Theater gekommen? Sie waren ja ursprünglich ein großer Musical-Fan?
Eigentlich hat es schon so mit 4 oder 5 Jahren begonnen, mit einem verhängnisvollen Geschenk meiner Tante Edith: nämlich dem Buch „Kinder machen Theater“. Ich konnte relativ früh lesen und das war einfach nur leiwand, meine kleine Schwester damit zu quälen und sie und die anderen Kinder im Hof zu besetzen. Ich habe Regie geführt und wir sind durch unsere Siedlung getingelt und haben das für teures Geld aufgeführt. Ich habe 5 Schilling pro Besucher verlangt und das war ein eindrucksvolle Erfahrung, so viel Geld zu verdienen (lacht).
Und wie war das nun mit den Musicals?
RashomonRashomon - was wirklich warIch war tausendmal in Cats, dauernd. Mit 15 bin ich alleine von Linz nach Wien gezogen und auf die Musical-Schule gegangen. Dann wurde mein Hintern zu dick und ich wurde mit 16 aus der Schule hinausgebeten.
Wie bitte?
Ich habe in einem Monat 10 Kilo zugenommen, ich weiß bis heute nicht, wie ich das gemacht habe. Ich war halt 15 und hab Busen und Hüften gekriegt. Und da bin ich aus der Schule geflogen, weil ich zu dick wurde. Weil so was wie mich will man ja auf der Bühne nicht sehen. Das war mit 16 ein großer Knacks! Und natürlich hab ich seither Probleme mit meinem Hintern (lacht).
Da ist ja unglaublich! Und wie geht man damit um?
Das Ärgste war für mich eigentlich die Vorstellung, dass ich jetzt wieder nach Linz zurückmuss. Ich hab dann erstmal auf einer Messe gejobt und da kam ein wildfremder Typ zu mir, den habe ich danach nie wieder gesehen, und der sagte: „Du schaust aus wie Paula Wessely, du solltest Schauspielerin werden. Da drüben ist das Volkstheater, gehst hin, da ist eine Schauspielschule“. Und dann bin ich da hin und  trotz meines Alters tatsächlich aufgenommen worden. Danach war ich Schauspielerin am Volkstheater, in Linz am Landestheater, in Berlin am Renaissance Theater - und später hab ich eine freie Theatergruppe gegründet.
Sie sind Regisseurin, Schauspielerin, Autorin, jetzt auch Theaterchefin – und Sie haben zwei Kinder im Alter von sechs und drei. Wie machen Sie das?
Das frag ich mich auch (lacht)! Nein, es geht eh. Mit viel Organisation, aber das kenn ich von vielen Menschen, die Kinder haben. Wer holt wann wo wie wen ab ... Und ich betone immer: Ohne meine Schwiegermutter könnte ich nicht. Vor allem in so Zeiten wie jetzt gerade. Also im letzten Monat  - mit Saisonstart, Rashomon-Regie, den Werktagen, Relaunch - habe ich die gefühlte Arbeit von sechs Monaten gemacht. Da tun mir meine Kinder leid, weil da sehen sie mich nicht. Aber sonst geht es eigentlich gut.
Warum gibt es eigentlich so wenig weibliche Theater-Leiterinnen?
Sind es wirklich so wenig? Es gibt sicher mehr Männer, aber eine Bewegung hat da trotzdem stattgefunden. Als ich begonnen habe, an etablierteren Häusern zu inszenieren, da war die Frauenquote wirklich gering. Da war ich meistens allein. Aber in den letzten 10 Jahren ist schon was passiert, es gibt jetzt deutlich mehr Frauen in der Regie. Und vielleicht kommt der Schritt in die Leitungsebene jetzt.
Sind Frauen in Leitungspositionen anders als Männer?
Ich glaube, dass Frauen eine wesentlich größere Verantwortungskompetenz haben als Männer. Und ich empfinde das so, dass Frauen viel mehr schauen können, dass sich jeder gut fühlt. Außerdem sind Frauen weniger konfliktscheu als Männer, Frauen sprechen die Probleme an. Und Frauen haben – vor allem mit Kindern – eine unglaublich große organisatorische Begabung. Das nimmt so zu mit Kindern! Auch das Multiple Task-fähig sein. Wenn man mal als Mutter erlebt, was man alles unter einen Hut kiegt, ist das ein tolles Training.
Sie bekommen immer für 4 Jahre Förderungen, danach weiß man nie, wie es weitergeht. Ist das nicht stressig?
Nein! Für die meisten von uns, die im freien Bereich gearbeitet haben, ist 4 Jahre eine unendliche Perspektive. In der freien Szene lebt man ja nur von Produktion zu Produktion. Jetzt werden wir gefördert bis 2013, für uns hier am TAG ist das ein unglaublicher Planungsluxus.
Das TAGPressekonferenz zu WerktageWas ist eigentlich Ihr Taum für nach 2013?
Ruhe (lacht). Aber davor ist mein beruflicher Traum, dass das Haus hier voll ist. Und dass hier am Haus Menschen arbeiten, die Neues für sich ausprobieren können. Wie jetzt auch bei den „Werktagen“. Da haben wir eine Ausschreibung für die freie Szene in Österreich, Deutschland und der Schweiz gemacht – für Konzepte zum Thema Zukunftsperspektiven. Wir hatten 134 Einreichungen! Von denen haben wir dann im September 31 Leute zu uns eingeladen, sechs Projekte wurden ausgewählt und zwei Stücke davon werden komplett ausproduziert.
Als Theaterchefin und Regisseurin sagen Sie, wo es lang geht. Haben Sie auch für Ihr Leben einen genauen Plan?
Ich bin keine Planerin. Ich habe mir auch nie gewunschen, Theaterleiterin zu sein. Wenn man mir 2006, als wir hier angefangen haben und ich hochschwanger war, gesagt hätte, was ich heute mache, hätte ich nur gelacht.
Aber es macht es Ihnen Spaß, oder?
Gewaltigen Spaß. Mit sieben habe ich meiner Mutter zum Muttertag mal einen Kuchen gebacken. Ich war mit Feuereifer dabei, hatte großen Spaß – und dann hab ich das Mehl vergessen. Ich bin verzweifelt vor dem Backofen gesessen und hab mir gedacht, „Bitte, warum geht der nicht auf?“ Und vielleicht ist es mit dem TAG auch so. Ich hab einen irrsinnigen Spaß, aber ich weiß nicht, was dabei heraus kommt. Das ist ein schönes Gefühl. Allerding das Mehl hab ich diesmal dazu gegeben. Alle Zutaten wären da und ich wünsche dem Haus, das wir ganz bald zu Kaffee und Kuchen einladen können.

Sabine Maier

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KONTAKT
TAG Theater an der Gumpendorfer Straße
Gumpendorfer Straße 67. 1060 Wien
01/ 586 52 22

www.dastag.at

Foto: Portrait:Julia Stix, Pressekonferenz boerdi@boerdi.at

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Friederike Range, Wolfsforscherin

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Gabriele Gottwald-Nathaniel, Leiterin von "gabarage" und Kalksburg

Margit Mezgolich, Theraterchefin "TAG"

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