Stadtgespräch

In Wien darf es gerne noch lauter werden!

Carla Lo im Interview

Landschaftsarchitektin Carla Lo (44) zog für ihr Studium von Heidelberg nach Wien – und ist nie wieder zurückgekehrt. Heut lehrt sie selbst an der BOKU und am FH Campus, gestaltet das Stadtbild von Wien wesentlich mit und holt in die Jahre gekommene Parks und öffentliche Plätze ins 21. Jahrhundert. Ihr aktuelles Projekt der „Schwimmenden Gärten“ am Donaukanal wird im September fertiggestellt und den WienerInnen als neue Chill-Area dienen. Die StadtSpionin hat mit ihr über die neue Inseloase und die Wiederentdeckung der Parks während Corona gesprochen.

Carla Lo Portrait
Landschaftsarchitektin Carla Lo
StadtSpionin: Schon seit ihrem 18. Lebensjahr wohnen Sie in Wien, also die größte Zeit ihres Lebens. Sind sie ein Stadtmensch?
Carla Lo: Ich lebe total gerne in der Stadt, mich bringt hier niemand mehr raus. Geboren bin ich in Heidelberg, eine eher kleinere deutsche Stadt. Sollte ich also je umziehen, dann nur in eine noch größere Stadt. In Wien finde ich, dass es gerne noch lauter werden (lacht) und noch mehr los sein darf!

Hat sich Wien seit Ihrem Umzug hierher verändert?
Die Stadt hat sich total verändert! Als ich hergezogen bin, gab es nur einen Radiosender, weder Nachtbus noch Nacht-U-Bahn. Wien war kleiner und verschlafener. Heute spielt sich das Leben verstärkt draußen ab, auch die Nutzung von Freiflächen und die Dichte an Gastgärten haben enorm zugenommen. Der Donaukanal zum Beispiel war kein Ort, wo man hingegangen ist. Und niemand ist Fahrrad gefahren! Mit dem Rad unterwegs zu sein war gefährlich, denn es gab keine Radwege und man ist mit dem Verkehr mitgeglitten. Das ist deutlich besser geworden.

Sie arbeiten als Landschaftsarchitektin in Wien – ein Traumberuf?
Manchmal überlegt man zwar schon, ob man etwas anderes hätte machen wollen – aber ja, ich bin mit Leib und Seele Landschaftsarchitektin. Diesen Beruf kann man sonst auch nicht machen, weil er ziemlich hart ist.

Da braucht man also Ellenbogen?
Auch, aber das Problem ist eher, dass sich wenige Menschen etwas unter dem Beruf vorstellen können. Es ist nicht wie im Film, in dem eine junge Frau mit Hut und Körbchen durch den Park spaziert. Am Land denken wiederum alle, man bräuchte keine Landschaftsarchitektur, weil man ja überall Landschaft hat. Andere setzen den Beruf mit Gärtnerei gleich.

Schwimmende Gärten Carla Lo
Schwimmende Gärten an der Kaiserbadschleuse
Und wie würden Sie Ihre Branche beschreiben?
Wir sind eine sehr kleine Branche mit einem großen Zusammenhalt, in der viele für dasselbe kämpfen: Dass die Profession ernst genommen wird. Wir beschäftigen uns mit dem öffentlichen Raum, fragen, ob dieser gerecht verteilt ist und wie wir als Gesellschaft in Zukunft leben wollen.


Für Ihr Projekt der „Schwimmenden Gärten“ wird gerade die Kaiserbadschleuse am Donaukanal umgestaltet. Ab September soll die neue Chill-Area öffentlich und kostenlos nutzbar sein. Sie liegt auch vis-à-vis der Gastromeile, also zwei Gegensätze direkt gegenüber?
Absolut, es ist ein Gegenentwurf zur Privatisierung des öffentlichen Raums. Hier gibt es keinen Pavillon oder Kiosk, wo man sich sein Bier kaufen kann. Die Menschen sollen den Ort als erweitertes Wohnzimmer nutzen können, denn Wohnungen werden kleiner und man lebt immer dichter zusammen. Um auch wieder Abstand gewinnen zu können, braucht es mehr konsumfreie und öffentliche Räume, die ansprechend gestaltet sind.

Dabei gibt es gerade am Donaukanal immer wieder Diskussionen um zu viel Gedränge und Lärm.
Eigentlich ist das ja nur ein Zeichen dafür, dass zu wenig Angebot vorhanden ist. Wenn Probleme aufkommen, müsste man also ganz anders vorgehen: Mehr Tische und Bänke aufstellen, damit sich der Druck verteilt. Dinge im öffentlichen Raum müssen extrem robust sein und auch die Kaiserbadschleuse wird eine Menge Nutzerdruck aushalten müssen.

Machen Sie sich deswegen Sorgen?
Natürlich haben wir bei neuen Projekten Befürchtungen, was alles passieren könnte. Am Ende kommt ein Riesen-Katalog heraus, was man alles nicht darf. Zum Beispiel haben alle haben Angst vor Graffitis. Da muss man in Städten mehr Mut haben und auch Dinge ausprobieren, die eventuell schiefgehen könnten.

Schwimmende gärten
Begrünte Flächen als zweites Wohnzimmer nutzen
Welche Vision hatten Sie für die Schwimmenden Gärten?
Den Perspektivenwechsel. Schon das Betreten der Schleusen-Insel ist einmalig. Plötzlich steht man mitten im Donaukanal, statt daneben her zu spazieren. Hier sollen die Leute gerne sitzen wollen, dafür werden die einzelnen Holzdecks reichlich begrünt und viele unterschiedliche Sitzmöglichkeiten haben.

Das Projekt ist auch Teil der städtischen Cooling-Maßnahmen. Klimaforscher waren ja vor extremen Temperaturanstiegen in Städten. Wien wird laut Studien besonders stark betroffen sein. Denken Sie, dass die Stadt genug dagegen unternimmt?
Wien macht jetzt mehr und hängt sich an einen Zug, der schon sehr lange fährt. In den letzten 1,5 Jahren ist das Bewusstsein für Klimamaßnahmen stärker geworden, weil BürgerInnen darauf bestehen und diese einfordern. Bei der Gestaltung von Wohnumfeld merken wir immer mehr, dass neue BewohnerInnen ein starkes Bedürfnis nach Freiraum und einen Naturwunsch haben. Sie sind auch verstärkt zu einem guten Miteinander bereit: Vor ein paar Jahren war es in Wohnhausanlagen noch unmöglich, Blumenwiesen anzubauen, doch das Insektensterben hat aufgerüttelt.

Haben die WienerInnen heute mehr als früher ein Gefühl von „Uns gehört die Stadt“?
Ja, sie sind partizipativer geworden und haben den Wunsch mitzuentscheiden. Dass in Bezirken gefragt wird, was die BewohnerInnen wollen, ist heute üblich. Ohne geht’s gar nicht mehr!

Sie gestalten in Wien viele Parkanlagen um, wie den Loquaipark und Esterhazy-Park beim Haus des Meeres. Was muss ein Park in einer Großstadt heute können?
Er muss viel mehr können als früher! Sport im öffentlichen Raum ist ein Riesenthema. Europäische Städte haben begonnen den „Muscle Beach“, den man früher nur aus Brasilien oder Los Angeles kannte, in die Parkanlagen zu verlegen und das funktioniert extrem gut. Viele junge Leute wollen gar nicht ins Fitnesscenter und trainieren lieber als Gruppe auf Wiesen und in Parks. Gleichzeitig muss auch Ruhe angeboten werden, damit keine Verdrängung stattfindet. Ein guter Park bietet für jeden Platz. Als Landschaftsarchitektin wird man zum Anwalt der BürgerInnen, die beim Gestaltungsprozess nicht dabei sein können, wie Kinder, Berufstätige und Obdachlose.

Viktor Adler Markt
Viktor-Adler-Markt
Durch die Schließung der Bundesgärten während des Corona-Shutdowns ist die Nutzung öffentlicher Parks wieder in den öffentlichen Fokus gerückt. Was hat Ihnen diese Diskussion gezeigt?
Die Menschen nutzen Parks als erweitertes Wohnzimmer, das hat man bei Corona ganz deutlich gesehen. Sie haben den Park für sich wiederentdeckt und gemerkt, wie gut man sich im Freien mit Freunden treffen kann. Ich selbst habe mich beim Brunch im Park plötzlich gefragt: Wieso machen wir das nicht öfter, statt uns in Lokale zu setzen? Freunde erzählten, dass sie sich wieder wie Jugendliche fühlten, wenn sie sich mit einem Bier im Park getroffen haben. So wie früher, als man vielleicht zu wenig Geld für die Kneipe hatte oder noch gar nicht Bier trinken durfte (lacht).

Gibt es einen Ort in Wien, den Sie besonders schön finden?
Oh ja, einen Platz finde ich wegen eines ganz simplen Details toll: Es ist der Platz vor dem Karl Lueger Denkmal – nur wegen des herrlichen Baums davor. Unter diesem 20 Meter hohen Baum zu sitzen, der den gesamten Platz überspannt, ist besonders schön.

Welchen Platz in Wien würden Sie sofort umgestalten wollen, weil Sie ihn so hässlich finden?
(Lacht) Da gibt’s wahrscheinlich mehrere. Am liebsten die Favoritner Hauptstraße, aber nicht, weil ich sie so schiach finde, sondern weil sie so viel Potenzial hat. Hier gibt es so viel Leben am Wochenende, einen tollen Markt und gut laufende Geschäfte. Eine wichtige Straße, die von uns allen, die nicht im 10. Bezirk wohnen, total unterschätzt wird. Der Straßenzug hätte mehr Gestaltung und etwas Cooles verdient.

Night market Hong Kong
Erkunden Sie denn oft andere Bezirke?
Samstagmorgen fahre ich an Orte der Stadt, an denen ich sonst nie vorbeikomme. Eben abseits meiner ausgetretenen Pfade, etwa zum Kutschkermarkt und Viktor-Adler-Markt. Die sind grandios! Dort gehe ich dann frühstücken und einkaufen, was immer wie ein Ausflug in eine andere Stadt ist. Es gibt so viele Grätzel zu entdecken, in denen man ganz tolle Tage verbringen kann.

Gibt es etwas, das Ihnen in Wien fehlt?
Ich bin zur Hälfte Chinesin und mir fehlen die Night Markets. Wie in Hongkong, wo man abends bummeln und Snacks essen kann und die Kinos auch um Mitternacht noch Filme zeigen. Ein wenig mehr Leben für Nachschwärmer, wie der Naschmarkt bei Nacht – so etwas hätte ich total gerne.

 

Was ist Ihrer Meinung nach für die bauliche Zukunft in Wien besonders wichtig?
Wir sollten für mehr Wasser in der Stadt kämpfen. All die Jahre durften wir damit nicht planen, weil es wegen der hohen Wartungskosten tabu war. Wasser muss in der Stadtplanung wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Ich bin auch nicht der Meinung, dass alles Grün sein muss, auch Flächen sind wichtig, wo Kinder spielen und die Menschen Roller fahren können.

teamfoto Carla Lo
Carla Lo und ihr Team
Gibt es einen speziellen Zugang, der in Ihre Arbeit miteinfließt?

Ich versuche, den Ort nicht zu überformen oder ihm etwas überzustülpen. Jeder Ort ist einzigartig und braucht sein eigenes, einzigartiges Konzept. Jeder Ort hat Stärken und Schwächen, die man herausfinden muss. Einen lauten Ort kann man zum Beispiel gut zum Skaten verwenden.

 

Sie arbeiten mit einem kleinen Team in Ihrem eigenen Architekturbüro. Wieso der Schritt in die Selbstständigkeit?
Das habe ich mich auch manchmal gefragt (lacht). Wirklich geplant hatte ich es nicht, ein Schritt kam nach dem anderen. Ich glaube, man darf auch gar nicht überlegen wie viel noch vor einem liegt. Bei meinem Umzug nach Wien habe ich geglaubt, ich würde nach Heidelberg zurückkehren. Das habe ich aber nie getan. Manchmal ist es gut, nicht zu wissen was kommt – denn sonst würde man den Schritt nie tun.

( Verena Richter, Juli 2020 )

 

KONTAKT

Carla Lo Landschaftsarchitektur
Streichergasse 4/2, 1030 Wien
Tel. 01/8901598
oegla.at/plbueros/31-di-carla-lo

Projekte von Carla Lo
Schwimmende Gärten an der Kaiserbadschleuse. Web
Siegerprojekt zur Freiraumplanung Campus der Universität Wien/Altes AKH. Web
„Cooling-Park“ im Esterhazypark. Web


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BISHER ERSCHIENEN

Lisz Hirn, Philosophin und Publizistin

Carla Lo, Landschaftsarchitektin

Ulli Gladik, Dokumentarfilmemacherin

Katharina Rogenhofer, Sprecherin Klimavolksbegehren

Barbara van Melle, Slow Food-Botschafterin

Ilse Dippmann, Frauenlauf-Gründerin

Clara Luzia, Singer-Songwriterin

May-Britt Alróe-Fischer, Leiterin des Modepalast

Anita Zieher, Schauspielerin & Theatermacherin

Clara Akinyosoye, Chefredakteurin "fresh"

Elis Fischer, Krimi-Autorin

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Leiterin KZ-Gedenkstätte Mauthausen

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Kathi Macheiner, Mode-Designerin "sixxa"

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Chefin Theater am Spittelberg

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Christina Zurbrügg, Jodlerin

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Friederike Range, Wolfsforscherin

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Karin Troschke, Papierrestauratorin

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Lisa Muhr, Mode-Designerin "Göttin des Glücks"

Aslihan Atayol, Schmuck-Designerin

Beatrix Patzak, Direktorin des Pathologischen Museums

Lama Palmo, buddhistische Priesterin

Elke Krasny, Stadtforscherin

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Jutta Ambrositsch, Winzerin in Wien

Monika Buttinger, Designerin "Zojas"

Ketevan Sepashvili, Pianistin