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Stadtgespräch


Österreich liegt nördlich des Bindengürtels

Annemarie Harant im Interview

Schon mal was von Bio-Tampons gehört? Annemarie Harant (27) hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Bettina Steinbrugger „die erdbeerwoche“ gegründet: Einen Webshop, der Bio-Tampons und Menstruationskappen verkauft und zugleich eine Internetplattform für nachhaltige Frauenhygiene ist. Mit der StadtSpionin sprach die Jungunternehmerin über die Krux mit den Tagen und das Noch-Immer-Tabu Menstruation.

Annemarie Harant Gründerin Die Erdbeerwoche StadtSpionin Wien
Annemarie Harant, Mit-Gründerin der "erdbeerwoche"
StadtSpionin:
Frau Harant, Sind Sie auch launisch während Ihrer Periode?
Annemarie Harant: Während meiner Periode nicht. Aber davor! Bei mir spielt sich alles davor ab! Zumindest ist das jetzt so, früher, als Teenager war ich während der Periode launisch und weinerlich, da ich oft starke Schmerzen hatte. Da bin ich auch fast jeden Monat einen Tag von der Schule zu Hause geblieben und habe mich im Bett verkrochen, da ich so starke Schmerzen hatte. Aber jetzt ist das glücklicherweise vorbei.
Die erdbeerwoche beschäftigt sich mit nachhaltiger Frauenhygiene. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Also, die erdbeerwoche ist ein Webshop (www.erdbeerwoche.com), der momentan drei Produkte zum Kauf anbietet: Bio-Tampons und Menstruationskappen, und zum Valentinstag kam noch biofaire Unterwäsche dazu. In erster Linie, und das ist auch der „Kern“ der erdbeerwoche, wollen wir aber Bewusstsein schaffen.
Auch wenn es kaum bekannt ist: Es gibt hierzulande ja schon Webshops, die Bio-Tampons und Schwämmchen vertreiben.
Ja, das sind dann meistens Naturfachwebshops, und allein in Österreich gibt es davon sicher an die 10 bis 20 Stück. Was es aber noch nicht gibt, ist eine Plattform wie unsere: eine, die die Konsumentinnen informieren will! Die Produktaufklärung machen will. Es ist zeitweise richtig erschreckend, welche Fragen z.B. junge Mädchen in diversen Internetforen in Zusammenhang mit der Periode stellen: Von der richtigen Anwendung bis hin zu „Darf man das Tampon über Nacht benutzen?“ ist alles dabei. Genau dem wollen wir ein Ende setzen. Bei uns gibt es erstmal also Information: Was darf Frau, was kann sie, was soll sie. Und dazu wollen wir über Nachhaltigkeit in der Frauenhygiene informieren.
Im Lebensmittelbereich ist „bio“ ja längst keine Seltenheit mehr, auch in der Mode wird es immer mehr zum Trend. Bio-Tampons stehen aber in keinem Drogeriemarkt.
Viele Frauen wissen nicht einmal, dass es überhaupt Alternativen zu konventionellen Tampons oder Binden gibt! Die meisten Frauen kennen gar nichts anderes als die Marke OB. Aber es gibt eben doch Alternativen! Wir wollen über nachhaltige Frauenhygieneartikel, also Bio-Tampons und Bio-Binden aufklären und so den Konsumentinnen einen Überblick verschaffen. Und wir wollen damit eine Enttabuisierung des Themas Menstruation. Die Menstruation muss endlich von der Gesellschaft als solche Zeit im Leben einer Frau akzeptiert werden, die sie auch ist: Eine vielleicht manchmal „blöde“ Zeit, in der ich als Frau angefressen sein darf, aber andererseits ist sie ein Teil von uns und macht uns schließlich zur Frau! Und sie verleiht uns mit den zahlreichen Produkten, die wir jeden Monat für unsere Periode einkaufen viel Macht und ein enormes konsumtechnisches Potential.
Annemarie Harant Die Erdbeerwoche StadtSpionin Wien
Biofaire Frauenhygiene: Bio-Tampons bei erdbeerwoche
Ist Enttabuisierung wirklich noch nötig? Leben wir nicht in einer aufgeklärten Welt?
In vielen Bereichen sicher. Aber in puncto Menstruation hängen wir schwer hinterher. Mitunter hat das auch religiöse Gründe: Im Christentum, im Islam und im Hinduismus wurde dieses Thema anfangs zwar thematisiert, kurze Zeit später aber – ähnlich wie Sex – sofort verbannt. Nur nicht mehr darüber reden! Sex ist heute, zumindest in unseren Breitengraden, kein Thema mehr – mit der Menstruation aber ist es nach wie vor schwierig. Frauen dürfen nicht sagen: „Es geht mir nicht gut!“, wenn sie ihre Tage haben. Das suggeriert uns auch die Werbung: Ein Tag, an dem ich meine Periode habe, ist ein Tag wie jeder andere. Das stimmt aber nicht! Dass es mir während der Regel vielleicht beschissen geht, wird – wenn überhaupt – mit 12, 13 oder 14 Jahren einmal besprochen! Und danach ist es verpönt. Und genau das muss geändert werden, denn es betrifft ja immerhin die Hälfte der Weltbevölkerung. Es gibt also wirklich viel zu tun! (lacht)
Bei „erdbeerwoche“ denken die meisten wohl an Obst und nicht an Menstruationskappen – wie sind Sie denn auf diesen Namen gekommen?
Wir haben viel recherchiert und sind mehr durch Zufall auf den Begriff „Erdbeerwoche“ gestoßen, der wird nämlich in Deutschland gerne mal als Synonym für die Periode verwendet. Obwohl ich selber aus Bayern bin, kannte ich „Erdbeerwoche“ vorher aber nicht. Aber genau deswegen haben wir uns für diesen Firmennamen entschieden: Man bringt ihn nicht sofort mit der Menstruation in Verbindung, er klingt locker und lustig – und genau das wollen wir. Weil wir an das Thema Menstruation locker herangehen wollen und eben nicht todernst.
War Nachhaltigkeit und Fair Trade schon immer ein Thema für Sie?
Also mit bio bin ich schon als Kind aufgewachsen. Meine Mutter war und ist eine Öko-Mami. Mit Fair Trade und Nachhaltigkeit im engeren Sinn wurde ich aber erst später konfrontiert, im Zuge meines Studiums der Internationalen Entwicklung an der Uni Wien, in meiner Diplomarbeit, in meinen Praktika. In einem dieser Praktika habe ich auch meine Mitgründerin Bettina Steinbrugger kennengelernt. Nachhaltigkeit ist sozusagen mein Leben. Aktuell arbeite ich ja auch neben der erdbeerwoche in der Nachhaltigkeitsberatung bei „Brainbows“. Ich habe meine Vision, also das, was mir wichtig ist, so zum Beruf gemacht. Und darüber bin ich sehr glücklich, denn ich glaube, nur was man gerne macht, macht man auch gut!
Annemarie Harant & Bettina Steinbrugger Die Erdbeerwoche StadtSpionin Wien
Annemarie Harant mit ihrer Mit-Gründerin Bettina Steinbrugger
Apropos gerne machen: Was ist eigentlich Ihr Favorit? Menstruationskappen oder Bio-Tampons?

Also, ich muss ganz ehrlich sein. Menstruations-kappen habe ich vorher, bevor wir auf die Idee mit der erdbeerwoche gekommen sind, noch nie probiert. Und ich war da sehr zögerlich. Nicht, weil ich Angst hatte oder ein ungutes Gefühl, sondern weil ich meine Bio-Tampons schon so gewöhnt bin. Aber dann habe ich einfach mal den Versuch gewagt – und es war überhaupt nicht schlimm. Es ist einfach nur ein anderes System. Die meisten Käuferinnen sind schon ein wenig älter – das heißt, sie gehen bewusster mit ihrem Körper um bzw. haben schon mehr Bewusstsein für solche Themen entwickelt. Für Menstruationskappen muss Frau ganz klar mit sich im Reinen sein. Obwohl es in puncto Fair Trade natürlich das Produkt schlechthin ist. Aus ökologischer Sicht gewinnt die Menstruationskappe ja immer! Sie kostet im Vergleich zu Tampons viel weniger, belastet die Umwelt überhaupt nicht, man kann sie durchgehend 8 bis 12 Stunden im Körper lassen und sie halten eine halbe Ewigkeit.
Warum vertreiben Sie eigentlich keine Menstruations- Schwämmchen? Das ist doch auch ein „Klassiker“ in der nachhaltigen Frauenhygiene, oder?
Ja, da sind Sie nicht die erste, die das fragt! Der Grund ist einfach: Bettina und ich arbeiten mit einem Frauenarzt zusammen, hier in Wien. Ich habe mit ihm ein sehr ausführliches Interview gemacht und dabei hat er mir von einer Patientin erzählt, die jeden Monat zu ihm kommt, weil sie das Schwämmchen von alleine nicht mehr herausbekommt! Da war klar: keine Schwämmchen!
Ganz neu im Webshop ist biofaire Unterwäsche. Aber was ist eigentlich mit Bio-Binden und Bio-Slipeinlagen?
Über die Unterwäsche freue ich mich besonders. Wir haben sie extra in Deutschland selber produzieren lassen. Es ist eine Wohlfühlunterhose, die funktional ist und gut aussieht – also eine richtige erdbeerwoche-Unterhose (lacht)! Was Slipeinlagen und Binden betrifft, das ist so eine Sache: Slipeinlagen haben wir schon auf diversen Messen verkauft, aber die haben wir noch nicht im Webshop. Was wir aber bald ändern möchten. Denn bei herkömmlichen Slipeinlagen sitzt die Frau ja quasi auf Plastik! Und das wiederum kann zu Infektionskrankheiten führen, dasselbe gilt übrigens auch für Tangas!
Und Binden?
Bei Binden sieht die ganze Sache etwas anders aus, weil Österreich oberhalb des „Bindengürtels“ liegt. Weltweit kann man nämlich Trenn-Linien ziehen. In Nordeuropa benutzen über 80% der Frauen ausschließlich Tampons. Weiter unten im Süden, so ab Mittelitalien, geht der „Bindengürtel“ los. Was eigentlich verwunderlich ist, denn je  wärmer, umso umständlicher trägt sich die Binde. Aber das hat mit zwei Dingen zu tun: Erstens mit dem eigenen Körperbewusstsein, das ist im Süden weit mehr ausgeprägt als bei uns. Zweitens mit religiösen Gründen, mitunter sind Tampons wegen der Jungfräulichkeit verpönt. In Amerika hingegen sind wieder die Applikator Tampons der große Hit. Die stehen für totale Reinheit und komplette Sterilität: Bei uns werden sie zwar verkauft, aber der Marktanteil ist total niedrig. Naja, und weil Österreich eben nördlich des „Bindengürtels“ liegt und somit ein reines „Tamponland“ ist, sind Binden hier einfach kein so großes Thema.
Informationsmaterial Die Erdbeerwoche StadtSpionin Wien
Bisher gibt es die Produkte der erdbeerwoche auf Messen und im Internet zu kaufen unter www.erdbeerwoche.com
Warum haben Sie die erdbeerwoche ausgerechnet in Wien eröffnet? Wären die Chancen woanders nicht vielleicht besser?

Also, ich bin ja ursprünglich aus München, genauer aus Bad Reichenhall. Ein Wirtschaftsflüchtling aus Deutschland sozusagen (lacht). Zum einen bin ich wegen des Studiums nach Wien gekommen und zum anderen auch wegen der Liebe. Die es übrigens noch immer gibt. Ich bin mittlerweile seit sieben Jahren hier und die Stadt gefällt mir einfach wahnsinnig gut! Ich möchte hier nicht mehr weg und habe gar nicht daran gedacht, dass es irgendwo anders vielleicht besser wäre, die erdbeerwoche zu gründen. 
Sie sind ja ein richtiger Workaholic, bauen neben Ihrem Job eine eigene Firma auf. Wie entspannen Sie sich?
Also, Sport könnte bei mir mal ruhig öfters sein (lacht)! Früher habe ich Ballett gemacht, das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Aber in den letzten Jahren musste ich darauf verzichten, weil einfach die Zeit gefehlt hat. Am besten entspannen kann ich mich, wenn ich in Wien Touristin spielen darf! Ich liebe das! Ich freue mich immer riesig, wenn Bekannte und Freunde aus Deutschland kommen, und ich mit ihnen dann zum hundertsten Mal die gleiche Tour machen kann, ihnen alle Sehenswürdigkeiten zeigen kann und sie mir selbst auch noch mal angucken kann. Da kann ich richtig abschalten.

Romy Schrammel
(Februar 2012)

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KONTAKT
Mag. Annemarie Harant & Bettina Steinbrugger
c/o Hub Vienna
Lindengasse 56, Top 18 - 19
1070 Wien
http://www.erdbeerwoche.com

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Clara Luzia, Singer-Songwriterin

May-Britt Alróe-Fischer, Leiterin des Modepalast

Anita Zieher, Schauspielerin & Theatermacherin

Clara Akinyosoye, Chefredakteurin "fresh"

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Cecily Corti, Obfrau von VinziRast

Barbara Glück,
Leiterin KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Ingrid Mack, Erotikfachfrau und Besitzerin von "Liebenswert"

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Nathalie Pernstich, "Babette's"-Inhaberin & Gewürzpäpstin

Stefanie Oberlechner, Donau-Schiffskapitänin

Christine Kintisch, ehemalige Leiterin der BAWAG Contemporary

Anette Beaufays, Leiterin der Art for Art Kostümwerkstätte

Annemarie Harant, Gründerin der "Erdbeerwoche"

Ulli Schmidt, Geschäftsführerin der Wiener Tafel

Kathi Macheiner, Mode-Designerin "sixxa"

Nuschin Vossoughi,
Chefin Theater am Spittelberg

Claudia Krist-Dungl, Geschäftsführerin des Dungl Zentrums Wien

Andrea Brem, Chefin der Frauenhäuser Wien

Christina Zurbrügg, Jodlerin

Gabriele Schor,
Leiterin Sammlung Verbund

Frenzi Rigling, Künstlerin

Elisabeth Gürtler, Sacher-Chefin

Margot Schindler, Direktorin des Volkskundemuseums

Friederike Range, Wolfsforscherin

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Verena Forstinger, Hoteldirektorin "Style Hotel Radisson"

Karin Troschke, Papierrestauratorin

Gabriele Gottwald-Nathaniel, Leiterin von "gabarage" und Kalksburg

Rahel Jahoda, Therapeutin bei intakt, dem Zentrum für Ess-Störungen

Lisa Muhr, Mode-Designerin "Göttin des Glücks"

Aslihan Atayol, Schmuck-Designerin

Beatrix Patzak, Direktorin des Pathologischen Museums

Lama Palmo, buddhistische Priesterin

Elke Krasny, Stadtforscherin

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Monika Buttinger, Designerin "Zojas"

Ketevan Sepashvili, Pianistin